Schulprofil

Unsere Schule ist ein Gymnasium, aber ein besonderes. Wie jedes Gymnasium vermitteln wir höhere Schulabschlüsse, also Fachhochschulreife und Abitur. Der Unterricht folgt auch denselben Ansprüchen, für ihn gelten dieselben Lehrpläne. Wie die Bezeichnung ‚Abendgymnasium' schon andeutet, sind die zeitlichen Bedingungen jedoch andere: Der Unterricht findet statt montags bis freitags von 18.10 Uhr bis 22.00 Uhr. Nur dadurch können wir unsere Studierenden erreichen. Denn bei ihnen handelt es sich um Erwachsene, die vielfältigen Verpflichtungen nachkommen müssen, vor allem beruflicher Art.

Unser Selbstverständnis

Der besondere Schulcharakter prägt nicht zuletzt das Selbstverständnis der Unterrichtenden. Sie verfügen über dieselbe Ausbildung wie alle Lehrkräfte in der obersten Stufe des Gymnasiums. Sie stehen aber vor einer abweichenden pädagogischen Herausforderung. Die Herausforderung ergibt sich aus dem Unterschied zwischen dem Lernen von Erwachsenen einerseits und dem Lernen von Kindern und Jugendlichen andererseits. Dieser Unterschied lässt sich auf allen Ebenen wiederfinden: im Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden, in der Motivation der Lernenden, der Art ihres Lernens und dem Status dieses Lernens. Auf den Unterschied wollen wir ausführlicher eingehen und dadurch erläutern, was nach unserem Verständnis Erwachsenenschule bedeutet.

Unsere Studierenden sind als Erwachsene mündige, eigenverantwortliche Personen. So banal diese Feststellung klingt, so weitreichend ist sie für den Unterricht:

  • Die Lehrenden haben an unserer Schule keinen Erziehungsauftrag zu erfüllen, sondern eine Dienstleistung. Sie verhalten sich zu   den Studierenden wie Partner, mit denen sie einen Vertrag geschlossen haben, einen Bildungsvertrag.
  • Es sollte keine Bevormundung geben. An die Stelle ,erzieherischer' Maßnahmen treten Formen wie Information, Diskussion, Angebot, Beratung, Empfehlung usw.
  • Zusammenarbeit und Mitbestimmung nehmen einen hohen Stellenwert  ein. Wo immer möglich, werden Regelungen gemeinsam gefunden und nicht verordnet.
  • Als Vertragspartner haben auch die Studierenden ihre Verpflichtungen einzuhalten. Geschieht dies nicht, müssen sie selber die Konsequenzen tragen.

Motivation der Lernenden: Freiwilligkeit statt Schulpflicht

Erwachsene gehen nicht aus Zwang, sondern aus freiem Entschluss wieder zur Schule. Ihr Entschluss trifft manchmal sogar auf die Widerstände ihrer Umgebung. Er ist so unterschiedlich motiviert, wie die Studierenden sich unterscheiden in Alter, Herkunft, Berufs- und Familienstatus usw.; die Motive reichen vom Wunsch nach Stärkung des Selbstwertgefühls bis zur Planung einer konkreten beruflichen Laufbahn. Entsprechend verschieden sind die Interessen bzw. Erwartungen (und Ängste), die an den Schulbesuch geknüpft werden. Gemeinsam sind aber die Opfer, die unsere Studierenden in Kauf nehmen: Wer über Jahre hinweg fünf Abende pro Woche die Schule besucht, muss sein privates Leben stark einschränken.

  • Der freie Entschluss der Lernenden und ihre Zeitknappheit verstärken das Anrecht auf gute Ausbildung. Oft sind sie auch dankbar für die gebotenen Möglichkeiten, was sich in einer hohen Intensität des Unterrichts niederschlagen kann.
  • Das Unterrichtsangebot sollte der Unterschiedlichkeit der Interessen und Fähigkeiten Rechnung tragen. Angemessen wäre eine Vielfalt von Wahlmöglichkeiten. Einen Ansatz dazu bietet das Angebot unterschiedlicher Profile.
  • Auf die außerschulischen Belastungen der Studierenden ist unbedingt Rücksicht zu nehmen. Rücksichtnahme bedeutet aber nicht Absenken der Anforderungen, sondern höchstmögliche Flexibilität bei deren Erfüllung, z.B. bei den Hausaufgaben.
  • Mitentscheidend für Lernbemühung und Lernerfolg ist das soziale Klima in Unterricht und Schule. Beizutragen zur Bildung von Klassengemeinschaften und zur Gründung privater Lerngruppen gehört gerade in der Anfangsphase zu den vordringlichen pädagogischen Anliegen.

Art des Lernens: Anschlusslernen statt Neulernen

Erwachsene lernen anders als Kinder, und zwar, pauschal gesprochen, in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist ihr Verhalten geprägt von den bisherigen lebensgeschichtlichen Erfahrungen, in die das Neue sofort einzuordnen versucht wird ("Anschlusslernen"). Zum anderen vollzieht sich das Lernen in allen seinen Phasen sehr viel bewusster als in jungem Alter.

  • Auf die Lebens- und Berufserfahrung der Erwachsenen sollte möglichst Bezug genommen werden, auch auf die Vielfalt der biographischen Hintergründe. - In manchen Fällen bewirkt die größere Erfahrung der Erwachsenen ohnehin ein besseres Verständnis für Problemstellungen (z. B. im Literaturunterricht).
  • Der Unterricht der Anfangskurse rückt möglichst nah an die verschiedenen Wissensvoraussetzungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer heran, d.h. bietet die Chance, auch fundamentalste Kenntnisse und Methoden wieder aufzufrischen.
  • Erwachsenengerecht ist es, die Lernstoffe übersichtlich zu strukturieren und ihre Auswahl eigens zu begründen. Diese Durchsichtigkeit hilft den Studierenden darüber hinaus, ihre schulischen Aktivitäten besser zu planen.
  • Das "Anschlusslernen" führt zuweilen dazu, dass Unvertrautes, Nicht-Einzuordnendes als zu fremdartig aufgefasst und daher abgelehnt wird. Mit dieser Tendenz ist zu rechnen und behutsam umzugehen.

Status des Lernens: Ausgleich statt Auslese

Obwohl die Abendschulen Leistungsanforderungen stellen und in diesem Sinne Auslese betreiben, dienen sie in erster Linie dem (sozialen) Ausgleich. Denn hier können Erwachsene jene Schulabschlüsse nachholen, die sie in ihrem früheren Schulleben nicht erworben haben, und dadurch zusätzliche Studien- und Berufschancen gewinnen.

Die klassische Klientel stammt aus den sogenannten "bildungsfernen Schichten" und hat im Jugendalter zu weiterführendem Schulbesuch keine Chance erhalten. Heute ist aber der Anteil derjenigen stark gestiegen, die einen solchen Schulbesuch begonnen und aus unterschiedlichen Gründen und an unterschiedlicher Stelle abgebrochen haben. Weiterhin ist der Anteil derjenigen stark gestiegen, die aufgrund ihrer fremden Herkunft höhere deutsche Schulabschlüsse nicht besitzen. Bei den letztgenannten Gruppen geht es also um Wiedereingliederung bzw. Eingliederung in die Schul- und Arbeitswelt.

  • Zu berücksichtigen ist, dass immer mehr Lernende ausgesprochen negative Lernerfahrungen mit sich bringen oder mit dem deutschen Schulsystem wenig vertraut sind. Dieser Tatsache kann Rechnung getragen werden durch behutsames Heranführen an die neue Unterrichtssituation, durch persönlichere Lernbegleitung und durch andere Formen des ‚Mutmachens'.
  • Um vorhandene Lücken zu schließen, benötigen manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusätzliche Unterrichtsangebote. Insbesondere müssen Personen mit anderer Muttersprache massiv gefördert werden, damit sie das Deutsche hinreichend beherrschen.
  • Noch entscheidender als an den Tagesschulen ist das "Lernen Lernen", das systematische Einüben grundlegender Lerntechniken und ein abgestimmtes Methodentraining in den verschiedenen Fächern.